Wenn man offen auf die Menschen zugeht, kommt das auch zurück

Spaziergänge im Badstraßen-Kiez (1)

Unser QM-Gebiet ist als innerstädtisches Quartier dicht besiedelt mit Menschen, die aus aller Welt hierher gekommen sind oder die schon immer hier leben. Was sind das für Typen? Und wie erleben sie ihren Kiez, was haben sie für Träume und was macht ihnen Angst? In unregelmäßigen Abständen begeben wir uns auf Spaziergänge durch die Straßen und fragen ganz spontan nach.

 

Schon seit Monaten ist mir auf dem Weg zur Arbeit – mit dem Rad entlang der Panke – ein kleines Café mit einer schönen Terrasse direkt am Fluss mit Liegestühlen und Schatten spendenden Bäumen aufgefallen. Also beschließe ich, hier meinen ersten Rundgang beginnen zu lassen.

Das Café Luise ist da, wo die Panke auf die Badstraße trifft. Es ist halb zehn, man öffnet erst in dreißig Minuten. Gemächlich bereitet ein Mann das Café auf den neuen Tag vor. Carlos ist der Inhaber des Cafés, 62 und ein echter Berliner. Das betont er, denn er versteht sich nicht bloß als Weddinger. Und klar, zehn Minuten hat er Zeit für ein kurzes Gespräch. Carlos ist das, was man alteingesessen nennt. Seit nunmehr 20 Jahren betreibt er das Café Uferlos in der Uferstraße, bekannt im Kiez für seine abwechslungsreiche Wochenkarte. QM kennt er - QM Pankstraße. Dass nun das Gebiet um die Badstraße auch QM-Gebiet wurde, ist ihm neu, findet aber sein Gefallen. Wie findet Carlos den Kiez, der seit 20 Jahren sein Zuhause ist? "Das Schickimicki nervt. Insgesamt finde ich, dass die ganze Stadt sich negativ entwickelt hat. Hier", Carlos zieht die BZ vom Tage heraus, "ist zwar ein Wurschtblatt, aber sogar Rolf Zacher will raus aus Berlin." Für die noch vorhandene soziale Mischung des Kiezes sieht er auf Dauer schwarz: "Die Leute, die heute noch hier wohnen, sind bald alle weg. Die Mieten können sich dann nur noch wenige leisten." 

Carlos, der Betreiber des Café Luise

Mit dem Luise hat der Gastronom nun ein Standbein im neuen QM-Gebiet. Auch das Café ist relativ neu, wurde im Herbst 2015 eröffnet. Trotz der Nähe zum Uferlos - mehr als 200 Meter werden es nicht sein - macht Carlos hier ganz neue Erfahrungen. Denn während 95% der Uferlos-Gäste deutschstämmig sind, sei es hier genau andersrum. Und das findet er gut: Die Gäste sind offen, nett, man kommt schneller ins Gespräch. Gerade viele Kinder kommen, um sich am Nachmittag ein Eis zu holen. So lernt man sich auch auf der anderen Seite der Badstraße kennen. Überhaupt, so findet Carlos, zähle hier am meisten die soziale Intelligenz. "Wir sind hier im Kiez zusammen, müssen uns nicht lieben. Aber wir müssen miteinander auskommen." Er selbst stammt aus einer Familie mit vielen Kindern, hat als Autoschlosser und auf dem Bau gejobbt und war viele Jahre unterwegs in aller Welt. "Dort habe ich gelernt, dass die Menschen überall gleich sind. Wenn man offen auf sie zugeht, kommt das auch so zurück."

Plötzlich kommt eine fröhliche junge Frau ins Café und wird von Carlos herzlich begrüßt. Sie arbeitet hier von Zeit zu Zeit - wie also könnte man sie vorstellen? Man einigt sich auf "Natalie, die freundliche Aushilfe". Hat sie vielleicht Zeit für ein kurzes Gespräch mit Cappuccino im Liegestuhl? Ja, denn sie ist ja nicht zum arbeiten hierher gekommen. Auch Natalie wohnt im Kiez. Sie hat zwei Kinder, ihr Sohn geht in die Gesundbrunnen-Schule. Dort ist er - blond und blauäugig - in der Minderheit. Natalie findet das als Erfahrung für ihre Kinder nicht schlecht. "Ich freue mich über die multikulturelle Kompetenz, die meine Kinder hier lernen." Natalie ist im Friedrichshain geboren, hätte neulich erst wieder dort hin zurück ziehen können. "Aber will ich das?"

Natalie, die freundliche Aushilfe, stellt den Aufsteller auf

Offensichtlich nicht, denn sie wohnt noch hier. Mit der Infrastruktur vor Ort ist sie ziemlich einverstanden. Die Schule sei gut ausgerüstet, vielleicht ein paar mehr Radwege könne der Kiez gebrauchen. Ihr größter Wunsch ans QM wäre der Ausbau von Spielplätzen, ganz konkret der hinterm Luisenbad. Er sei zwar für größere Kinder OK, aber für die Kleinen gäbe es dort fast nichts, findet sie. Und noch eins: Viele Eltern im Kiez würden sehr von speziell auf sie zugeschnittenen Deutschkursen profitieren. Sie hielten mit dem Lerntempo ihrer Kinder nicht Schritt. Wenn das QM da unterstützen könnte, fände Natalie, die freundliche Aushilfe, das gut.

 

Nur ein paar Schritte weiter liegt die Bibliothek am Luisenbad. Die klassische Fassade mit dem modernen Anbau ist ein Blickfang für alle, die hier die Panke begleiten. Und sie ist auch das, was man einen Kieztreffpunkt nennt: mit ihrem Repertoire und ihrem Veranstaltungssaal ist sie einer der Nachbarschafts-Hotspots im südlichen Teil des QM-Gebietes. Aus der bereits heiß werdenden Morgensonne trete ich in die kühle Eingangshalle. Das Gebäude wurde 1887/88 von den Brüdern Galuschki errichtet und als Restaurant, Ballsaal und Kaffeeküche genutzt, es gab Kegelbahnen sowie Theater- und Varietéveranstaltungen. Ich gehe nach links in den Büchersaal. Stille. Auf den ersten Blick sieht man niemanden zwischen den langen Bücherreihen. Erst bei genauerem Hinschauen entdecke ich Menschen, die konzentriert Bücher in den Regalen suchen oder still lesen und schreiben. Ich gehe an den Tresen, wo mich zwei Bibliotheksassistentinnen erwartungsvoll anschauen. Mit gesenkter Stimme, man will ja nicht stören, trage ich mein Anliegen vor. Ob sie kurz mit mir über den Kiez sprechen können? "Können wir gern auch machen - aber fragen Sie doch am besten unsere Chefin, die sitzt dort unten." Die Chefin also. Natürlich, für das neue QM nehme sie sich gerne Zeit, antwortet sie auf meine spontane Anfrage und bittet mich, Platz zu nehmen. Heidrun Hübner-Gepp arbeitet umgeben von Bücherregalen mitten in der Bibliothek und ist somit nah an ihren Kunden im wörtlichen Sinne. Im Laufe des Gesprächs verfestigt sich der Eindruck, dass dies auch im übertragenen Sinn zutrifft. Denn die Bibliothek orientiert sich stark am Kiez, in dem ihre Heimat ist. Es gibt Kinderbücher in 40 Sprachen, sehr viel türkische und arabische Literatur auch für Erwachsene. Tagesaktuell können sich Nachbarn, deren Muttersprache nicht die deutsche ist oder die gern eine neue Sprache lernen oder praktizieren, in den vielen fremdsprachigen Zeitungen und Zeitschriften informieren, die die Bibliothek neben vielen deutschsprachigen auslegt (türkischsprachig) bzw. im pressreader online zur Verfügung stellt (viele weitere Sprachen). Für Deutschlerner und Nachbarn, die an den Gebrauch der Schriftsprache insgesamt nicht gewöhnt sind, gibt es auch viel Literatur in leichter Sprache. Und wegen der geflüchteten Menschen, die hier im Kiez leben, gibt es inzwischen auch Bildlernbücher.

Heidrun Hübner-Gepp leitet die Bibliothek am Luisenbad

Ich frage Frau Hübner-Gepp, wie die Bibliothek angenommen wird. "Sehr gut. Viele Menschen sind länger hier, lesen und arbeiten. Man merkt, dass zum Teil zuhause die Gelegenheiten zum ungestörten Lesen - ob räumlich oder von der Personenkonstellation her - nicht vorhanden sind. Kinder und Jugendliche sind ganze Nachmittage hier und erledigen ihre Hausaufgaben. Wir Mitarbeiter interpretieren unsere Bibliothek als einen Ort des gelebten Gemeinlebens – und so wird sie auch angenommen."

Die Bibliothek unternimmt viel, um den Wünschen der Bewohner zu entsprechen. So gibt es im Hof freies WLAN. Deutschlern-Gruppen arbeiten in der Bibliothek. Mehr als in anderen Bibliotheken Berlins findet man hier Angebote zum Thema Gesundheit. Dem entsprechend ist die Kundschaft ein Spiegelbild des Umfeldes. Allein die Gruppe der ca. 30- bis 60jährigen ist prozentual nicht so stark vertreten wie in der Bevölkerung. Angesprochen auf das neu eingerichtete QM-Gebiet, berichtet Heidrun Hübner-Gepp, dass sie froh sei, endlich zu einem QM-Gebiet zu gehören. Denn durch die Zusammenarbeit mit dem QM ergäben sich neue Chancen – etwa in Projekten zum Lernen und zur Lesekompetenz. Auch freut sie sich auf eine Aufwertung des Umfeldes durch Projekte zur Sauberkeit und Sicherheit des Kiezes. Zum Schluss frage ich sie, welche drei Orte sie einem Besucher des Kiezes als vorbildlich empfehlen würde. Nach kurzem Überlegen nennt sie darauf hin das Lichtburgforum, die Schulen im Kiez mit ihren vielfältigen Angeboten und das Mädchenprojekt Mädea in der Grüntaler Straße.

Ich verabschiede mich von Frau Hübner-Gepp und beschließe, mich noch ein wenig in der Badstraße umzusehen. Spontan fällt mir auf, dass hier viele Bäckereien, Imbisse, Telefonanbieter und Spielcasinos zu sein scheinen, aber wenige inhabergeführte Einzelhändler. Ich komme zum Optiker „Die Brille“, der damit wirbt, seit mehr als 50 Jahren in der Badstraße zu residieren. Tatsächlich, so berichtet die Inhaberin Renate Schäfers, existiert der Laden, den sie gemeinsam mit ihrem Mann gründete, seit 1965. Sie berichtet aus der Vergangenheit der Badstraße. Vor dem Mauerbau 1961 war die Badstraße neben der Karl-Marx-Straße in Neukölln DIE Einkaufsstraße für Ostberliner. Damals gab es praktisch ausschließlich kleine Geschäfte hier, Herrenausstatter, Möbelläden, Haushaltswaren und vieles mehr. Die Gegend um die Badstraße galt als richtig gute Lage mit berlinweit bekannten Fachgeschäften. Allein zwischen der Prinzenstraße und der Grüntaler Straße hätte es damals vier Optiker gegeben, von denen jeder gut zurecht kam. Nach dem Bau der Mauer wurde es ruhig, die Badstraße praktisch zur Einbahnstraße, die an der Mauer in der Bernauer Straße endete. Der Zuzug vieler so genannter „Gastarbeiter“ in den 60er und 70er Jahren veränderte den Kiez. Zwar hätten sich diese Menschen integriert, aber sie brachten auch ein neues Geschäftsumfeld mit sich. Oft, wenn eines der eingesessenen Geschäfte schloss, eröffnete dort ein neues, das sich speziell an die zugezogenen Nachbarn wendete: türkische oder arabische Lebensmittelläden, Textilläden oder Imbisse.

Renate Schäfers, Inhaberin von "Die Brille"

Mit der Eröffnung des Gesundbrunnen-Centers gab es neue Herausforderungen für die ansässigen Geschäfte. Für sie zum Beispiel bedeuteten die insgesamt drei Optiker-Filialen im Center neue Konkurrenz. Allerdings sei es ihnen gelungen, ihren Kundenstamm zu halten und damit ihre Existenz zu sichern. Was Frau Schäfers nicht gefällt, ist die mangelnde Sauberkeit des Kiezes. Zwar reinigten sie fast täglich den Gehsteig vor ihrem Schaufenster, aber sehr schnell sähe es aus wie zuvor. Dies zu ändern ist eine Erwartung, die sie an das QM hat.

Privat freut sie sich, dass sie in Schmargendorf wohnt, wo die Nachbarschaft deutlich bürgerlicher ist. Aber in letzter Zeit nimmt sie wahr, dass mehr junge Leute im Kiez unterwegs sind und auch in ihren Laden kommen. „Das Klima ändert sich. Und auch der Kiez wird sich auf längere Sicht ändern. Die Aufwertung des Umfeldes zieht sich von Mitte aus die Brunnenstraße hoch und wird auch vor unserem Kiez nicht halt machen.“ Was sie als Chance nicht nur für ihr Geschäft sieht, könne sich jedoch negativ auf die Nachbarschaft auswirken. Steigende Mietpreise würden über kurz oder lang dazu führen, dass einkommensschwächere Menschen den Kiez verlassen müssen. Renate Schäfers wünscht sich zwar, dass das QM dem ein wenig entgegenwirkt, macht sich allerdings über die Erfolgschancen dieses Unternehmens wenig Illusionen. Allerdings sieht sie die größte Aufgabe der QM-Arbeit in der Integration der Nachbarn mit ausländischen Wurzeln. Wenig Verständnis hat sie dafür, dass es Menschen gibt, die nach vielen Jahren Leben in Berlin immer noch nicht Deutsch sprechen. Hier vor allem gelte es, aktiv zu werden.

Text und Fotos: Johannes Hayner

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