Ode an einen Fluß – Panke Parcours 2016

Für alle, die den Sommer jetzt schon vermissen, hier ein kurzer Rückblick auf den Panke Parcours 2016.

Es ist heiß an diesem 10. September. 32 Grad zeigt das Thermometer an. Wir sind mitten in der fünften Jahreszeit, dem „Indian Summer“ oder „kleinen Frühling“, wie der Altweibersommer in Japan genannt wird. Die Zeit steht für einen kurzen Moment still, es ist weder Sommer noch Herbst. Besser hätte man den Zeitpunkt für den dritten Panke Parcours gar nicht wählen können. Wie in den letzten beiden Jahren wird er vom Projekt KiezKlang organisiert und findet entlang der Panke zwischen Badstraße und Soldiner Straße statt.

Eigentlich versteht man unter „Parcours“ eine festgelegte Strecke mit verschiedenen Hindernissen. Ein Fitnessprogramm muss aber heute niemand absolvieren und auch Reitklamotten und Pferd können zu Hause bleiben. Verschiedene soziale und kulturelle Projekte haben zusammen mit KiezKlang ein abwechslungsreiches Programm mit Live-Musik, Performances und künstlerischen Aktionen organisiert. „Inseln“ heißen die einzelnen Stationen am Flussufer. Schöne Idee! Den Begriff Insel verbinden die meisten Menschen mit Urlaub, einem Sehnsuchtsort oder einem verloren gegangenen Paradies.

Ich lasse die dicht befahrene, wuselige Badstraße mit ihren Spätis, Dönerläden, Wettbüros, Leihhäusern und vielen anderen kleinen Geschäften hinter mir und laufe zur ersten Musikinsel. Vor den Arkadenbögen gegenüber des Eiscafés Luise sitzen Leute jeden Alters entspannt unter Ahornbäumen in Liegestühlen. Selbstgekochtes Essen wird vor der „kleinen Bar mit dem Entencharme“, wie der Weddingweiser die Wilma mal genannt hat, angeboten. Eine Kaffeebar gibt es auch  – „alles mit Liebe“ steht auf der Tafel neben dem Stand und man glaubt es irgendwie sofort. Das „End of Summer Open Air“ findet im Garten neben der Bar statt. Bunte Bänder und Tücher, am unteren Ende verknotet, hängen an Leinen quer über den Platz. In der Mitte eine Diskokugel. Auf einer großen Holzstaffelei steht eine Tafel mit dem Line-up. Gerade ist das „Freedom Fighter Soundsystem“ dran. Die Musiker sehen sich in der Tradition der jamaikanisch-englischen Soundsystems: Gespielt wird von Jamaican Ska über Roots Reggae bis zu aktuellem UK Dub alles von Platte über eine riesige, selbstgebaute, mobile Musikanlage.

 

Das Pankeufer ist dicht bevölkert

Ich besorge mir ein Programmheft und versuche mich zu orientieren. Wo soll ich als nächstes hingehen? Neben mir redet ein Mann mittleren Alters auffällig laut. Ich schaue rüber und sehe, dass er ein Videotelefonat mit einem jungen Mädchen führt. Er bemerkt meinen Blick und erklärt, dass er gerade „zusammen“ mit seiner Tochter beim Panke Parcours war. Sie besucht während der Semesterferien ihre Großeltern in Istanbul und war sehr traurig, dass sie nicht persönlich zur kleinen „Weddinger Fête de la Musique“ kommen konnte. Daher hat sich ihr Vater entschlossen, sie per Videochat mitzunehmen. Tolle Idee! Beide geben mir noch schnell ein paar Tipps. Ich solle unbedingt zur „südamerikanischen Musikinsel“ gehen, da sei alles so lebendig. Zum Abschied winken sie mir fröhlich zu. „Hoşça kal!“ „Tschüß!“ Ein schöner Augenblick, den ich mit nach Hause nehme.

 

Zuerst gehe ich noch schnell in die Bibliothek am Luisenbad. Heute befindet sich hier die „Klassik-Lounge“. Harfenklänge und Kammermusik stehen auf dem Programm. Das Konzert von Groupmuse wird etwas später anfangen als geplant und ich beschließe, einen Ausflug „ nach Südamerika“ zu machen. Das Wetter ist einfach zu schön, um sich lange im kühlen und recht dunklen Foyer der Bibliothek aufzuhalten. Also, raus in die Sonne und über die kleine Brücke ans andere Ufer der Panke.

Neben der Bildhauerwerkstatt, der denkmalgeschützten ehemaligen Arnheimschen Tresorfabrik, spielen Rainhas do Norte. Die Gruppe besteht ausschließlich aus Frauen. Der Gesang wird – abgesehen von einem E-Bass – nur von Schlaginstrumenten und anderen Gesangsstimmen begleitet. Einige Leute tanzen. An einer improvisierten Bar gibt es Caipirinha und Cuba Libre.

Zurück über die kleine Brücke, auf der viele junge Leute sitzen und die Musik als Soundkulisse nutzen, geht es zur großen Wiese neben der Bibliothek, zur „Sinti- und Romabühne“. Tische und Bänke und ein großer Grill. Drum herum sitzen Gruppen junger Leute. Einzelne Paare auf dem Rasen unterhalten sich angeregt, lachen. Ein rumänisches Familienfest mit Gästen aus aller Welt? Fast! Auch in diesem Jahr hat Jonny Herzberg mit seinem Verein Mingru Jipen e.V. wieder zu Gypsy Swing eingeladen. Die Veranstaltung hat den Charakter eines Dorffestes mit eigenen Regeln und Ritualen. Jonny und Sebastiano spielen Gitarre, Katjusha Kozubek singt. Während einer kurzen Pause unterhalte ich mich mit ihr. „Musik und Tanz sind wie ein Gebet, das die Menschen vereint, sie öffnet und lebendig hält für die wesentlichen Dinge unseres Daseins.“ Schöne Worte.

Ein kleines Mädchen mit einem riesigen Pappkarton läuft über die Wiese. Er ist so groß, dass sie ihn kaum tragen kann, viel größer als sie selbst und bunt bemalt. Ihre kleine Schwester und ihr Vater laufen hinterher. Helfen dürfen sie nicht. Greta, so heißt sie, ist ganz stolz auf ihr „neues Haus“. Gebaut und gestaltet hat sie es im Rahmen einer Mal- und Bastelaktion von MÄDEA, einem interkulturellen Zentrum für Mädchen und junge Frauen in der Grüntaler Straße. „Mädchenpower“ heißt die kleine Insel neben dem Bolzplatz beim Panke-Parcours. Passt doch!

Weiter geht’s. Bis zur nächsten Station muss ich nun einen etwas längeren Weg zurücklegen. Die Walter-Nicklitz-Promenade entlang über die Osloer Straße bis zur Gotenburger Brücke zur „Singer-Songwriter-Insel“. Als ich eintreffe, höre ich gerade noch die letzten Akkorde von Eva Wunderbars „Herzensmusik“. Als Patin hat sie das Programm zusammengestellt und kündigt gleich den nächsten Act an. Johannes Broch-Due kommt eigentlich aus Norwegen. Er ist der Sohn der „bekanntesten Walfänger in der nördlichen Hälfte des Königreichs“. Seit ein paar Jahren lebt er schon in Berlin. Hergekommen ist er, nach eigenem Bekunden, wegen des sauberen Trinkwassers und – wegen Lidl! Ja, so ist es wirklich. Seine Lieder über Liebe und Freundschaft transportiert er mit einer klaren, angenehmen Stimme. Sie sind leise und schön und liefern den Soundtrack für eine – an diesem Tag – entschleunigte Stadt.

Mit einem Gefühl der Zuversicht und Leichtigkeit wandere ich weiter, entlang der Panke abseits des Großstadtdschungels. Das Programmheft verschwindet in meiner Tasche und aus meinem Kopf. Die Muße, sich einfach treiben zu lassen, die in unserem hektischen, oft fremdbestimmten Alltag meist fehlt, ist zurückgekehrt.

Ein Stück vom Pankeweg entfernt liegt hinter einer Kleingartenkolonie die Jesus Miracle Harvest Church. Es ist eine internationale Kirche mit Mitgliedern aus verschiedenen Ländern der Welt. Auf dem schmalen Weg zum Gotteshaus höre ich schon den Gospelgesang aus der Kirche, über große Lautsprecher in den Wedding übertagen. Der kühle Kirchenraum ist mit einem roten Teppich ausgelegt – Liebe, Energie und Wärme. Diese Bedeutung spiegelt sich auch in den Gesängen des Chores wieder und die Besucher lauschen ergriffen den Musikern.

„Hey, schön, dich hier zu treffen!“ Rolf, ein alter Bekannter, steht plötzlich neben mir. Er ist zum ersten Mal beim Panke Parcours und ich bin gespannt auf seine Meinung. „Der Panke Parcours ist wirklich fantastisch! Der Weg an sich ist schon schön, aber mit der ganzen Musik natürlich noch viel besser. Es gibt so viel Interessantes und Gutes zu sehen und zu hören. Leider findet vieles zeitgleich statt und man rennt mit dem Plan rum und denkt ‚oh, wo ist denn das oder das‘. Obwohl ich nicht weit weg wohne – im funky Moabit, also um die Ecke – kenne ich diesen Teil des Weddings nicht. Im nächsten Jahr komme ich auf jeden Fall wieder und bringe noch etwas mehr Zeit mit.“ Von vielen Leuten höre ich an diesem Tag Ähnliches, alle sind begeistert und freuen sich über die „musikalische Seite“ des Flusses.

Der Vorplatz des Familien-Förderzentrums Panke-Haus wird während des Panke Parcours zur Oriental Lounge und ist mein nächstes Ziel. Habibi, deren Name „Liebling“ bedeutet, ist die letzte Band an diesem Tag. Die drei Musiker kommen aus Syrien und ihre Musik auch. Assyrische, armenische und griechische Klänge mit arabischen Texten zeigen wie vielfältig „ihr“ Land ist, aus dem sie aufgrund des andauernden Krieges flüchten mussten. Getroffen haben sich Nabih, Feras und Milad in einer orthodoxen Kirche in Zehlendorf. Schnell entdeckten sie ihre gemeinsame Leidenschaft für Musik und gaben ihr erstes Konzert – im Wedding! Seit über einem Jahr spielen sie nun schon zusammen, mit Auftritten überall in Berlin und einer stetig wachsenden Fangemeinde. An diesem Nachmittag sind auch viele junge Geflüchtete aus dem nahegelegenen Wohnheim in der Gotenburger Straße unter den Gästen und lauschen der Stimme Feras. Ihre syrische Heimat ist plötzlich ganz nah. Auch ich bin ein Fan der Band und es fällt mir schwer zu gehen. Aber ich will noch ein wenig mehr sehen.

Es ist wieder da, gerade noch rechtzeitig zurück aus einer reparaturbedingten Auszeit und schon von Weitem zu sehen – das Weddinger Tipi! Es besteht aus mehr als 1.200 gehäkelten Quadraten, 15 cm x 15 cm groß. Fast 100 Leute haben daran mitgearbeitet. Das „Indianerzelt“ stand im letzten Jahr fast sechs Wochen auf dem Leopoldplatz und ist schon zum zweiten Mal beim Panke Parcours dabei. Mit einer Innenhöhe von fünf Metern bietet es erstaunlich viel Platz und ich schaue beeindruckt nach oben. Mehrfarbige Lichtflecke tanzen auf meiner Haut, ich bin alleine und sperre die Welt für einen kurzen Moment aus. Doch bald schon ist es mit der eigentümlichen Ruhe vorbei. (Mutige) Kinder rennen rein und raus, andere trauen sich nur an der Hand ihrer Eltern in das bunte Zelt. So etwas haben sie noch nicht gesehen! Fasziniert und neugierig staunend betrachten sie das Gebilde, dieses farbenfrohe Etwas auf dem Pankegrünstreifen gegenüber des selbstverwalteten Hausprojektes „PA 58“, aus dessen Garten Klänge von französischer Rockmusik herüber schwappen. Brigitte Lüdecke, Initiatorin des Projekts, sitzt mit ihrer Tochter auf einer Bank neben dem Zelt. Ein Spinnrad läuft während sie sich unterhalten. Neue Fäden für ein neues Tipi? Wer weiß …  Ein Lied aus meiner Kindheit schleicht sich in mein Bewusstsein und tonlos singe ich „Da sprach der alte Häuptling der Indianer“ von Gus Backus vor mich hin und hüpfe zur nächsten Station.

Als ich wieder an der großen Wiese am Luisenbad vorbeilaufe, dämmert es bereits. Bänke, Tische und Grill sind abgebaut. Sebastiano, Jonny und Katjusha sitzen unter einer Laterne auf einer Bank am Wegesrand und machen immer noch Musik. Um sie herum steht eine klein Gruppe von Leuten, die begeistert zuhören.

Zurück zur Wilma. „Akob Astra“ spielen. Ein Kontrabass und ein Akkordeon bringen die Leute zum Tanzen und das Gefühl von nicht enden wollendem Sommer ist allgegenwärtig.

Die Plaza Sudamericana

 

 

 

 

 

 

Noch einmal will ich zur „Plaza Sudamericana“. Aldo Antonio kommt aus Kuba und verbindet traditionell karibische Volksmusik mit afrikanischen Rhythmen. Er spielt Gitarre, Hiula Rodriguez die Kistentrommel „Cajòn“. Die Zuschauer werden in das Herz des südamerikanischen Kontinents versetzt und es ist fast unmöglich, still zu stehen. Die Süße der Rhythmen und Akkorde! 
Beschwingt tänzelnd ein letztes Mal zur Wilma, wo mein Fahrrad steht. Es ist schon dunkel, als ich bei der kleinen Bar ankomme. SoulKah stehen auf der Bühne. Angekündigt wurden sie noch unter ihrem alten Namen „Schwarzmarkt“, den sie kurz vor der Veranstaltung geändert haben. Zur Musik wirbeln brennende Fackeln durch die Luft, dichtgedrängt stehen die Leute im kleinen Garten. Die Geschichte des Ortes kehrt zurück und das Luisenbad ist wieder Vergnügungsviertel, zumindest für eine Nacht.

 

 

 

 

 

Der Panke Parcours wurde vom Quartiersmanagement Soldiner Straße im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ gefördert. Das „End of Summer Open Air“ in der Wilma wurde mit Mitteln des Aktionsfonds des Quartiersmangements Badstraße unterstützt.

Text und Fotos: Annette Wolter

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