Was machen eigentlich die QM-Projekte in Zeiten von Corona? – Teil II

Die Welt steht Kopf. So auch Berlin. So auch der Badstraßenkiez.

Nachbarschaften stärken, den Kiez verschönern, Freizeit- und Lernangebote für sozial Benachteiligte schaffen – das sind die Aufgaben der Quartiersmanagements. Viele Projekte nehmen sich mit Herzblut und Kreativität im Badstraßen-Kiez dieser Aufgaben an.

 

Doch was, wenn ein öffentliches Leben gar nicht mehr stattfindet, Schulen und Kitas geschlossen, Spiel- und Sportplätze gesperrt und jegliche Zusammenkünfte in großen Gruppen untersagt sind?

Bereits in unserem Artikel vom 16. April haben wir darüber berichtet, was die Projekte während der Corona-Krise so treiben. Jetzt haben wir bei drei weiteren Projekten nachgefragt.

Das Projekt Klimakiez der Gruppe F beschäftigt sich seit Ende 2019 mit der Frage, was beim Thema Klimawandel einen lebenswerten Stadtteil ausmacht und wie sich der Badstraßenkiez an Klimaveränderungen anpassen kann. Corona, das bedeutet auch weniger Menschen und Autos auf den Straßen. Also auch weniger Smog. Haben wir somit den vom Projekt angestrebten Zustand schon erreicht? fragt sich die Gruppe F. „Für den Moment schon“, meinen Meline Saworski und Robert Esau vom Projekt-Team. Und so fragen die beiden nun die Kiezbewohner. „Was verändert sich gerade im Badstraßenkiez? Habt ihr schon neue Angewohnheiten und Aktivitäten, die für später bleiben sollen, damit unsere Umwelt nach der Krise nicht wieder in Dauerstress gerät?“ Die Antworten, Ideen und Gedanken dazu kann jedermann in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #bleibzuhausmachwasdraus teilen.
Klima und Umweltbewusstsein sind im Badstraßenkiez ohnehin ein schwieriges Thema, findet Meline Saworski. Mit diesem Anliegen die Menschen in Zeiten von Corona zu erreichen sei noch schwieriger.
Im vergangenen Jahr veranstaltete das Projekt einen Fotowettbewerb. Aus den eingesandten Motiven entstanden bunte Postkarten. Als spontane Zwischenaktion haben Meline Saworski und Robert Esau 200 der Karten mit Briefmarken versehen und im Kiez verteilt. In fast jeder Apotheke, in Supermärkten und Drogerien in der Badstraße und am Gabenzaun an der St.-Pauls-Kirche kann man sie nun kostenfrei mitnehmen und an seine Liebsten verschicken, die man nun nicht treffen kann. „Gerade in den Apotheken wird das Angebot gut angenommen“, so Meline Saworski.

die Gruppe F hat 200 Postkarten frankiert und im Kiez verteilt

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2020 wollte das Projekt in die Testphase starten, um im nächsten Jahr daraus folgende Strategie zu entwickeln und umzusetzen: Mit einem umgebauten Auto-Anhänger der Interessengemeinschaft Weissenseer Spitze wollen die Klimakiezler an wechselnden Orten im Kiez stehen und die Menschen zum Verweilen und nachbarschaftlichen Austausch einladen. Eigentlich wollte die Gruppe F im April den Anhänger umbauen und gemeinsam mit den Bewohnern bepflanzen. Nun ist die Aktion auf Mai verlegt. Das Team überlegt, wie es die Leute trotzdem zum Pflanzen animieren kann, aber gleichzeitig wegen der notwendigen Mindestabstände große Menschenansammlungen vermeiden kann. „Wir müssen schauen wie, es sich entwickelt. Es ist aber unser Ziel, die Aktion noch im Sommer durchzuführen“, sagt Meline Saworski zuversichtlich.

Das Projekt Netzwerk KiezBildung von Stadtgeschichten e. V. fungiert als Mittler zwischen Kitas, Schulen und außerschulischen Einrichtungen. Das Netzwerk organisierte in den letzten Jahren das bei den Kindern und Jugendlichen sehr beliebte „Bildungsfest“ im Wedding. Alle zwei Monate veranstaltet es ein Netzwerktreffen mit allen Bildungs-Akteuren im Kiez. Beim letzten Treffen im Februar wurde der Fahrplan für die nächsten zwei Jahre festgelegt. Doch nun stellt sich die Frage: Wie soll das gehen: Mittler zwischen Kitas, Schulen und anderen Einrichtungen sein – mitten in der Corona-Krise, wenn alles geschlossen ist? „Wir wollen dafür eine Strategie entwickeln“, so Tina Hilbert von Stadtgeschichten e. V. , „zum Beispiel unser Netzwerk digitalisieren.“
Es gibt viele Angebote im Kiez. Kitas schicken Spielchen für den Zeitvertreib zu Hause, die Kiezsportlotsen von bwgt e. V. stellen Sportangebote zusammen. Diese Angebotsinformationen sammelt das Netzwerk und schickt sie nun gebündelt per E-Mail-Newsletter an die Schulen und Kitas, die ihn dann an die Familien weiterleiten.
„Gerade in Zeiten von Corona ist es wichtig, dass die Schüler am Ball bleiben und das Bildungsniveau zwischen den Schülern nicht zu sehr auseinander driftet, denn das wäre ein Problem, wenn die Schulen wieder geöffnet werden.“ sagt Tina Hilbert. Deshalb will das Netzwerk die Wünsche der Kinder und Jugendlichen jetzt abfragen. Vieles scheitert leider oft schon an der Möglichkeit, die digital erhaltenen Schulaufgaben auszudrucken. Bei der Lösung solcher Probleme will auch das „QM Badstraße“ die Initiatoren unterstützen.

vom Netzwerk Kiezbildung organisiertes Bildungfest im September 2019

Ergebnisse wurden beim letzen Netzwerktreffen festgehalten

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Die Macher vom Netzwerk Kiezbildung hoffen sehr, dass die Corona-Einschränkungen nicht zu lange andauern, denn den Leitsatz „Hier steckt Bildung drin!“ will das Projekt weiter in die Öffentlichkeit tragen. Geplant sind gemeinsame Aktionen mit Kindern und Jugendlichen im Kiez. Tina Hilbert und ihre Mitstreiter wollen die persönlichen Alltagsidole der Kids per Foto- und Plakataktionen vorstellen. Vorbilder könnten zum Beispiel die Eltern, der Tanzlehrer oder eine Kiez-Persönlichkeit sein.
Für den Fall aber, dass in absehbarer Zeit doch keine Lockerungen möglich sein werden, planen sie das nächste Netzwerktreffen im Juni jetzt erst einmal per Videokonferenz.

Auch beim Projekt Spielräume im Kiez vom gemeinnützigen Unternehmen Schildkröte  stehen die Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt. Das Projekt will mit ihnen alternative Möglichkeiten, den öffentlichen Raum für sich zu nutzen, entdecken. Im März, noch zu Beginn der Corona-Krise in Deutschland, veranstaltete das Projekt seinen Auftakt in der Fabrik Osloer Straße. Viele Akteure im Kiez wie Gangway e. V. und Stadtgeschichten e. V. waren mit dabei. Die Spielgeräte des Projektes wurden ausprobiert und neue Ideen gesammelt. „Alle haben wir gedacht: Wir werden das mit dem Coronavirus und seinen Folgen schon irgendwie hinkriegen, aber wir hätten nicht gedacht, dass es so schlimm kommt“, gibt Christian Mertens von Schildkröte zu.
Noch am Donnerstag vor der Schulschließung hatten sie in der Willy-Brandt-Schule eine „aktive Pause“ mitgestaltet. Dort konnten die Schüler die Spielgeräte ausprobieren, von denen Schildkröte einige wie den „Ezyroller“ angeschafft, andere, wie die Fitness-Holzkiste „Plyobox“ in ihrer Moabiter Werkstatt selbst gebaut hat. Ziel ist es, die Jugendlichen zu eigener Kreativität und sportlichen Aktionen zu inspirieren. „Später möchten wir sie gemeinsam mit den Jugendlichen entwickeln und bauen“, sagt Christian Mertens. Derzeit erstellt er einen Produktkatalog mit detaillierten Erklärungen zu allen Sport- und Freizeitgeräten, die das Projekt anbietet.
Seit kurzem hat das Projekt auch einen Instagram-Account zur besseren Vernetzung mit den Jugendlichen. Eigentlich waren für die Osterferien kleine Aktionen auf dem Grünstreifen in der Grünthaler Straße geplant, um damit langfristig so genannte „Spielraum-Paten“ zu gewinnen. Diese Paten sollen mehr als nur „Schlüsselwarte“ sein. Sie sollen den Kindern und Jugendlichen also nicht nur den Zugang ermöglichen, sondern auch die Nutzung der Spielgeräte näher bringen. Vereine wie Gangway Wedding haben schon ihr Interesse geäußert, Angebote wie die Plyobox, Hängematten oder das Lastenrad für Beratungen oder Workshops im Freien zu nutzen
Da all das wegen Corona erst einmal auf Eis gelegt werden musste, hat sich Schildkröte spontan einen Wettbewerb ausgedacht. Kinder und Jugendliche können ihre Ideen zur Nutzung des öffentlichen Raums dokumentieren und an Schildkröte einsenden. Möglichkeiten dafür gibt es viele: Kunst mit Kreidefarben, Geräuschaufnahmen aus der Umwelt, entwerfen eines Fitness Parcours durch den Kiez oder das Pflanzen von Blumen im öffentlichen Raum. Zu den vom Projekt definierten Themenbereichen: Give me Five, Beat the Street, Join the Street und Meet me at the Tree gibt Schildkröte den Jugendlichen Anregungen an die Hand. Zu gewinnen sind tolle Spiele-Runden im Freien mit verschiedensten Geräten à la Schildkröte. Selbstverständlich erst nach gelockerten Ausgangsbeschränkungen. Über die Gewinner entscheidet eine Kiez-Jury. Das heißt: jeder kann online für die beste Idee abstimmen. Ursprünglich sollten die Ideen der Jugendlichen bis zum 24. April eingesandt werden. Mit der Verlängerung der Schulschließung verschiebt sich nun aber auch der Einsendeschluss des Wettbewerbs. „Wir wollen ja keinen unnötigen Druck erzeugen“, so Christian Mertens.

 

Text: Anna Lindner

Fotos: Gruppe F /georg+georg

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Spielräume im Kiez
nun auch auf instagram erreichbar!
mehr Infos zum Wettbewerb findet ihr hier