Katrin und die Kümmelküche

Die grüne Politikerin Katrin Göring-Eckardt engagiert sich im Kiez

Sie muss für Disziplin sorgen. Dafür, dass alle mit einer Stimme sprechen. Absprachen mit anderen Parteien treffen, Mehrheiten organisieren, Standpunkte erarbeiten. Außerdem muss sie Schmorgemüse in Assietten füllen. Wie bitte?? Ja – richtig: Heute verpackt Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, in der Kümmelküche Mittagessen für Bedürftige.

 

„So, eine Kelle Gemüse in diese Mulde, den Reis ins große Fach“, falls die Mitarbeiterin der Kümmelküche von ihrer prominenten Küchenhilfe beeindruckt sein sollte, merkt man es ihr nicht an. Geduldig und klar stellt sie den gewünschten Arbeitsablauf vor. Der Besuch muss richtig ran und ist voll in die Befüllungskette integriert. Super findet sie das: „Ich bin zum zweiten Mal hier und mir macht es richtig Spaß. Immerhin ist ja mein Zweitwohnsitz hier im Kiez, da packe ich gern mit an. Das ist kein Fototermin“, meint die „hauptamtliche“ Thüringerin. Aus ihrem Team hat sie noch zwei junge Frauen aus der Social-Media-Abteilung mitgebracht. Sicher, tu‘ Gutes und rede darüber, das ist ein eingebranntes Verhaltensmuster, das nicht nur von Prominenten befolgt wird. Sei’s drum, am heutigen Mittwoch ist wichtig, dass wie jede Woche kostenloses Mittagessen bei Bedürftigen an der St.-Pauls-Kirche ankommt, und da ist jede helfende Hand recht. Auch die beiden Social-Media-Damen packen – maskiert wie alle – kräftig mit an, nur der Fotograf muss weiter. Unterstützung genug für die 150 Essen, die hier unter die Leute gebracht werden. Die Besucherinnen zeigen sich begeistert, nicht nur von der Kümmelküche: „Dieses ganze Lichtburg-Projekt beeindruckt mich. Die Mischung aus Wohnen und sozialer Arbeit auf Augenhöhe mögen wir sehr gern“, erklären sie.

 

Katrin Göring-Eckardt mit den Kolleg*innen der Kümmelküche


Als alle Essen verpackt sind, setzt sich der Tross aus Gangway-Mitarbeiter*innen, den Kolleginnen von Kiezkosmos, Magdalene Loda und Ralf Kersten vom QM-Team sowie den heutigen Unterstützerinnen in Bewegung. Auf den wenigen hundert Metern zur St.-Pauls-Kirche tauscht man sich über den besorgniserregenden Anstieg an Kinderarmut und Existenznot während der Coronakrise aus. Alle freuen sich über das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen zum Beispiel an den Gabenzäunen, wissen aber auch, dass dies nicht reichen wird, um die Not zu lindern. „Auch in dieser Krise dürfen wir den Zusammenhalt der Gesellschaft nicht aus dem Blick verlieren“, ist sich die Runde einig und fordert von der Bundesregierung eine deutliche Erhöhung der Regelsätze und eine Kindergrundsicherung, auch als Zeichen, „dass sich die Politik nicht nur um große Unternehmen kümmert.“

Mag sein, es liegt an der Maske, vielleicht ist hier an der größten Kreuzung im Gesundbrunnen die Prominentendichte auch besonders hoch oder die Menschen haben einfach andere Probleme als die Anwesenheit einer bekannten Bundespolitikerin – um sie wird bei der Verteilung der Portionen hier kein großes Aufheben gemacht. Sie selbst wirkt auch nicht so, als würde sie das erwarten. Unprätentiös gibt sie die Portionen aus, tauscht mit vielen ein freundliches Wort und bekommt einen lebendigen Eindruck von der Situation in ihrem Zweitwohnsitz-Kiez.

Schnell sind die Essen verteilt. Die studierte Theologin Katrin Göring-Eckardt praktiziert hier vor der St.-Pauls-Kirche nicht nur einen Akt der Nächstenliebe, ihr geht es um Grundsätzliches. „Wir als Gesellschaft müssen dafür sorgen, dass die Menschen, die wir heute hier getroffen haben, merken, dass sie dazu gehören. Das hat auch damit zu tun, wie wir unsere Städte organisieren, dass wir keine Viertel haben, in denen nur die Gutbetuchten leben und auf der anderen Seite Ghettos, in denen die Armen unterkommen. Diese Krise bringt auch Klarheit: Wir werden viel zu tun haben in der Stadtentwicklung - in Berlin und in vielen anderen Städten.“

Fotos: Conrad Kirchner, Text: Conrad Kirchner/Johannes Hayner