10 Jahre QM Badstraße
Feierstunde und Zwischenbilanz
Vor zehn Jahren, im Sommer 2016, startete das Quartiersmanagement Badstraße seine Arbeit im Kiez. Natürlich muss dieses Jubiläum gefeiert werden. Der Tag dafür war der 17. April. Die Feierstunde war genau so, wie es zu einem Quartiersmanagement passt: mit vielen bekannten Gesichtern, Gesprächen vor und hinter der Tür, Erinnerungen an gemeinsame Projekte und einem vorsichtigen Blick nach vorn. Denn auch wenn der Abend Anlass zum Feiern bot, läuft für das QM Badstraße der Countdown: Noch fünf Jahre, dann endet die Förderung des Gebietes.

Das Jubiläumsfest zeigte allerdings vor allem eines: Dem Kiez wird die Energie so schnell nicht ausgehen. Schon beim Ankommen wurde deutlich, dass sich hier viele Menschen über Jahre hinweg kennen. Herzliche Begrüßungen vor dem Büro in der Bellermannstraße, kleine Gesprächsgruppen auf dem Gehweg, viel Gelächter. Es war weniger der große politische Bahnhof wie zur Eröffnung des QM-Büros 2016, als auch Prominenz aus Senat und Abgeordnetenhaus den Weg in die Bellermannstraße fand. Diesmal wirkte alles etwas kleiner – dafür umso vertrauter.


Zwischendurch ließ ein Kanun-Spieler seine türkische Zither erklingen und entlockte dem Instrument filigrane Tonfolgen, welche die Unterhaltungen für einen Moment verstummen ließen. Wer genauer hinsah, erkannte viele jener Menschen wieder, die das Quartiersmanagement in den vergangenen Jahren begleitet und geprägt haben: Aktive aus der Wilden 17, aus der Eulerplatz-Gruppe, vom Kiezverein Badstraße oder der Bellermann-Gruppe. QM-Teamleiter, Michael Zambrano, bedankte sich in seiner kurzen Ansprache dann auch vor allem bei den Aktiven, von denen viele die QM-Arbeit von Anfang an begleiten. Auch die Geschäftsführerin des Trägers L.I.S.T. GmbH, Susanne Walz, ergriff das Wort, um wiederum dem QM-Team zu danken. Denn dieses habe es sehr erfolgreich geschafft, nachhaltige Initiativen im Kiez anzustoßen, was nicht immer gelinge. Als letzter Redner brachte Jon Rohrbach, kommissarischer Leiter der Stabsstelle Quartiersmanagement im Bezirksamt Mitte und seit langem vertraut mit der Arbeit des QM-Teams, einen besonderen Dank „an den Mann“. Und dieser Mann heißt Ralf Kersten und ist als einziges Mitglied im QM-Team vom ersten Tag an dabei. Dafür gibt es nun ein dickes Dankeschön und einen ebenso dicken Blumenstrauß vom Bezirksamt, den er strahlend entgegennahm.


„Das Jubiläum war auch für uns vor allem ein Anlass, Danke zu sagen“, erzählt Quartiersmanager Ralf Kersten im Nachgang. Und tatsächlich zog sich dieses Gefühl durch den Abend: Viele Projekte wären ohne engagierte Nachbarinnen und Nachbarn nie entstanden – und manches hätte ohne das Quartiersmanagement wohl nie den ersten Anschub bekommen.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Eulerplatz-Gruppe. Entstanden ist sie im Zusammenhang mit dem Klimakiez-Projekt, inzwischen arbeitet sie eigenständig weiter und vernetzt sich mit anderen Initiativen. Auch die Wilde 17 hat sich längst zu einer festen Größe entwickelt. Immer wieder gab es Unterstützung über den Aktionsfonds, etwa für Veranstaltungen oder eine Bühne. Heute wird sogar darüber nachgedacht, die Grünfläche dort zu erweitern, und die kleine Kiezoase damit noch stärker von der Böttgerstraße abrücken zu lassen.

Überhaupt sind in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche Initiativen entstanden oder verstetigt worden: die Wilde 17, die Eulerplatz-Gruppe, der Kiezverein Badstraße oder auch „Süß + Salzig“ in der Bibliothek am Luisenbad. Gleichzeitig hat sich die Szene der Aktiven verändert. Einige „Urgesteine“ sind bis heute dabei, andere haben den Staffelstab weitergegeben oder engagieren sich inzwischen eher projektbezogen statt im Quartiersrat.
Der Quartiersrat bleibt trotzdem das zentrale Beteiligungsgremium im Kiez. Allerdings, sagt Kersten, habe auch dieses Format seine Hürden. Einmal im Monat Dienstagabend – dafür müsse man Zeit und Interesse mitbringen. Gleichzeitig könne der Quartiersrat viel bewegen. Themen wie Verkehr oder Milieuschutz wurden dort immer wieder diskutiert. „Ohne den Quartiersrat wäre der Kiez vermutlich kein Milieuschutzgebiet geworden“, sagt Kersten.
Daneben haben sich die Formen der Beteiligung verändert. Viele Menschen engagieren sich heute eher punktuell und themenbezogen. Das zeigte sich auch bei Beteiligungsverfahren im öffentlichen Raum. Bei der Umgestaltung der Bellermannstraße etwa gab es zunächst einen Workshop mit Spaziergang und anschließender Diskussion in einer Schule. Für manche Bewohnerinnen und Bewohner war das bereits eine zu große Hürde. Der zweite Workshop fand deshalb direkt auf der Straße statt – niedrigschwellig und sichtbar. Mit deutlich besserer Resonanz.
Das Thema Klima spielt inzwischen ohnehin eine größere Rolle als noch zu Beginn der QM-Arbeit. Zwar stand Klimaanpassung schon immer im IHEK, dem Integrierten Handlungs- und Entwicklungskonzept des Quartiersmanagements. Durch das Klimakiez-Projekt rückte das Thema aber stärker in den Vordergrund. Dabei gehe es vor allem darum, Klimaanpassungen möglichst konkret im Alltag der Menschen spürbar zu machen – etwa bei Straßenumbauten oder neuen Aufenthaltsflächen.
Nicht immer läuft dabei alles konfliktfrei. Gerade beim Thema Kiezblock landete viel Kritik zunächst beim Quartiersmanagement, obwohl das QM gar nicht selbst verantwortlich und nur indirekt beteiligt war. „Das bündelt sich dann trotzdem erstmal hier“, sagt Kersten mit einem leichten Schmunzeln.
Auch Schulen und Bildungsprojekte spielen mittlerweile eine größere Rolle als noch vor einigen Jahren. Einrichtungen wie die Gesundbrunnen-Grundschule, die Rudolf-Wissell-Grundschule oder die Willy-Brandt-Schule haben weiterhin hohen Unterstützungsbedarf. Projekte von Trägern wie der Initiative LUNA PARK, von WiB e.V. oder den Lernwerkstätten von Roter Baum Berlin seien deshalb enorm wichtig. Gleichzeitig kämpfen viele Träger selbst mit unsicheren Finanzierungen. Das QM versuche zu helfen, stoße dabei aber an Grenzen.
Denn auch das Quartiersmanagement selbst befindet sich längst im Endspurt. Maximal 15 Jahre läuft ein QM-Gebiet – fünf davon bleiben der Badstraße noch. Deshalb geht es inzwischen stark um die Frage, welche Projekte und Strukturen dauerhaft bestehen können. „Wir müssen uns auf gute Weise überflüssig machen“, formuliert Kersten das Ziel.
Das bedeutet: Vereine und Initiativen stärken, langfristige Finanzierungen mit Bezirksamt und Senat mitdenken und die Zeit nach dem QM schon jetzt vorbereiten. Erfahrungen aus anderen Gebieten hätten gezeigt, dass man damit nicht erst kurz vor Schluss beginnen dürfe.

Ganz fertig ist das QM Badstraße mit seinen Aufgaben allerdings noch lange nicht. In den kommenden Jahren stehen weiterhin größere Projekte an: die Erneuerung des Blochplatzes, die Gestaltung der Freiflächen rund um die Bibliothek am Luisenbad oder der Bau des VikiCampus an der Behmstraße. Mit dem neuen Fördergebiet Lebendige Zentren gibt es außerdem Unterstützung bei Themen wie Gewerbeentwicklung und größeren baulichen Vorhaben wie dem Brunnenplatz.
Als der Abend des Jubiläums langsam ausklang, standen viele Gäste noch immer plaudernd vor dem Büro in der Bellermannstraße. Fast wirkte es ein bisschen wie ein Klassentreffen – nur mit mehr Diskussionen über Stadtentwicklung, Fördermittel und Bolzplätze. Vielleicht ist genau das die eigentliche Bilanz nach zehn Jahren Quartiersmanagement Badstraße: Nicht jedes Problem ist gelöst. Aber es gibt im Kiez viele Menschen, die sich kümmern.
Text und Fotos: Johannes Hayner