Was heißt es eigentlich Frau zu sein?

Das Experiment „Machine to become_woman“ von Caroline Alves und Natalie Riedelsheimer


Stellen Sie sich folgende Tanz-Performance vor: Das Publikum sitzt kreisförmig auf dem Boden verteilt in einem großen Raum. Zwei Frauen stellen am Anfang dem Publikum ihre Werkzeuge vor: ein Cello, einen Hocker, eine Uhr im Hintergrund. Auf Zetteln soll das Publikum Wörter notieren.

Die beiden Frauen stellen dem Publikum vier Fragen. Jeder im Publikum soll in kurzer Zeit die Frage mit nur einem Wort auf einem einzelnen Zettel beantworten. Die Fragen lauten:

1. Frage: Was ist das erste Wort, das in den Kopf schießt, wenn man an Frauen denkt?
2. Frage: Ein Adjektiv, was einem einfällt, wenn man an Frauen denkt?
3. Frage: Ein Kompliment für Frauen …
4. Frage: Eine Fähigkeit, die Frauen zugesprochen wird.

Die Zettel mit den Antworten werden von den beiden Frauen eingesammelt und vor dem Publikum auf dem Boden verteilt. Das „Machine to become_woman“ Experiment startet. Eine der Frauen beginnt auf dem Cello zu improvisieren. Die andere bewegt sich im Dialog mit dem Cello und hebt dabei nach und nach Zettel vom Boden auf. Sie liest die Worte darauf laut vor, zum Beispiel „schlank“, „kompetent“, „ehrlich“ und begibt sich tänzerisch auf Spurensuche was „schlank“, „kompetent“, „ehrlich“ … bedeuten könnte. Die Antworten des Publikums sind der „Brennstoff“ für ihre Bewegungen, bzw. für die Performance. Die Performance dauert exakt 30 Minuten. Die Uhr läuft sichtbar im Hintergrund. Im Anschluss gibt es eine Diskussionsrunde mit dem Publikum.

IMG 7956 web2Die beiden Tänzerinnen: Caroline Alves (links) und Natalie Riedelsheimer

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Das ist ein Beispiel dafür, wie das „Machine to become_woman“ Experiment von Caroline Alves (Tanz) und Natalie Riedelsheimer (Tanz und Cello) abläuft. Die beiden jungen Tänzerinnen sind Teil des Berliner Tanzkollektivs „Grupo Oito“ und lernten sich dort vor ca. 9 Jahren kennen. Caroline Alves kommt aus Brasilien, Natalie Riedelsheimer aus Süddeutschland. Beide wollen im Rahmen des Tanzkollektivs auch Soloprojekte starten und beide beschäftigt in ihrer Choreographie die gleiche Frage: Was heißt es eigentlich Frau zu sein? Sie beginnen zusammen zu arbeiten und stellten fest, dass die Improvisation die meisten Antworten auf diese Frage und den größten Spielraum für Reflexionen gibt. 2016 führen sie das erste „Machine to become_woman“ Experiment auf und begeben sich seitdem immer wieder mit dem Publikum auf Spurensuche nach dem Frausein und den vielen möglichen Assoziationen zu diesem Thema. Das Experiment wurde dabei im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Zum Beispiel die Art, wie man mit dem Publikum zusammenarbeitet oder die Einbindung des Cellos, dessen Klänge zuletzt geloopt wurden (eine Sequenz wird aufgenommen und immer wieder abgespielt).

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Die Idee, sich am Anfang diesen Jahres für Mittel aus dem Aktionsfonds im QM-Gebiet Badstraße zu bewerben, hatte Natalie Riedelsheimer. Sie bekam den Zuschlag und wollte zusammen mit Caroline Alves auf der Basis des Konzepts „Machine to become_woman“ in der Badstraße 10 einen offenen Tanzkurs für Frauen anbieten. Leider scheiterte dies sehr schnell an fehlenden Räumlichkeiten. Aus dem Tanzkurs entwickelten die beiden Frauen dann die Idee, drei Sessions (Performance, Workshop und Diskussion) in diesem Jahr anzubieten. Die 2. Session fand am 24. und 25. August 2019 im Rahmen von „Auch Nachbar*schaft ist Kunst“ im Terrassenhaus Lobe Block (Böttgerstraße) statt. In dem zweistündigen Workshop gab es für die Teilnehmerinnen die Möglichkeit, sich intellektuell und mit dem eigenen Körper mit dem Thema Frausein zu beschäftigen. Was für Bilder beziehen wir auf das Frausein? Und geben diese Bilder mir Kraft oder machen sie mich eher traurig? Was für Reaktionen hat mein Körper auf bestimmte Wörter? Jede der Teilnehmerinnen sollte dabei ihre eigenen Erfahrungen machen.

Das Konzept „Machine to become_woman“ ist für Natalie Riedelsheimer und Caroline Alves mittlerweile ein „wichtiges Experiment zum Mitwachsen“ geworden, das sie noch möglichst lange weiterführen möchten. Und Caroline Alves wünscht sich für die Zukunft, „die Performance an ganz vielen unterschiedlichen Orten, mit einem ganz unterschiedlichen Publikum aufführen zu können“. Zum Schluss erzählt sie, dass ein Freund nach der Performance zu ihr meinte, dass es bei dieser Art von Performance nicht einfach um Tanz oder Bewegung geht. Sondern dass es bei „Machine to become_woman“ darum geht, wie sie die Leute bewegt.

Die 3. Session von „Machine to become_woman“ soll noch in diesem Jahr stattfinden.

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Mehr über die Arbeit Caroline Alves und Natalie Riedelsheimer finden Sie hier.

Text und Fotos: Maja Schudi