Wer hat das gemacht?

Eine Fotoaktion zur Fashion Revolution im Miss Ploff

"Kleider machen Leute" – das ist spätestens seit der gleichnamigen Novelle von Gottfried Keller unumstritten. Kleidung dient dazu, ihren Trägern Status zu vermitteln, sie einer Gruppe zugehörig oder gerade nicht zugehörig zu identifizieren, ihre Attraktivität zu fördern und sie mit bestimmten Emotionen aufzuladen. Ein bisschen aus dem Blickfeld geraten ist, dass der Spruch auch andersrum funktioniert: Leute machen Kleider.

Aber wer sind diese Menschen, die im Akkord die T-Shirts herstellen, die wir inzwischen billiger als einen Laib Brot bei diversen Modeketten erwerben können? Genau diese Frage stellt sich der Verein "Future Fashion Forward". Dass in der Welt der Mode etwas im Argen lag, wusste man schon lange. Spätestens aber als 2013 in Bangladesch die illegal errichtete Auftragsnäherei "Rana Plaza" einstürzte und 1.143 Näherinnen unter sich begrub, war den Gründern von "Fashion Revolution", die in Großbritannien leben, klar, dass etwas passieren muss. Sie gründeten die Kampagne und legten von Anfang an großen Wert auf einen globalen Fokus. Es engagieren sich weltweit Designer, Berater, Kommunikationswissenschaftler aus der Modebranche. Sie vereint ihr Anliegen, das Wissen über die sozialen und ökologischen Missstände in der Modeindustrie weiterzugeben. Mit Fashion Revolution begründeten sie eine Kampagne, die inzwischen weltweit Furore macht. So auch in Berlin.

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Carina Bischof (Mitte) ist nicht die Einzige, die fragt: "Who made my clothes?"

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Wir treffen Carina Bischof im Miss Ploff in der Eulerstraße. Das kleine Café ist bis zum letzten Platz gefüllt, einige müssen stehen. Ein Beamer wirft Fotos und Diagramme an die Wand, man befindet sich in angeregter Diskussion. Sprache: Englisch. Es ist Fashion-Revolution-Tag und Frau Bischof leitet die Diskussion in ihrer Funktion als Vereinsvorstand von Future Fashion Forward in Deutschland. Zu Gast ist eine Gruppe aus Südafrika. Die Besucher aus der Ferne sind alle selbst im Modebusiness unterwegs. Als Produzenten nachhaltig produzierender Modelabels wollen sie sich im Rahmen einer Exkursion ein Bild von der Berliner Modelandschaft machen. Heute stellt ihnen Carina die Idee von Fashion Revolution vor: der Herkunft der Kleidung die man trägt, auf den Grund zu gehen. Dies wird auch gleich plakativ in einer visuell starken Aktion praktisch vorgeführt …

"Klick", "klick", "klick" macht der Auslöser der Kamera, während die Südafrikaner auf dem kleinen Platz vorm Miss Ploff in ihrer Kleidung posieren. Allerdings ist diese auf links gedreht, so dass man das Modelabel lesen kann. Auch mit auf den Fotos: Plakate mit der Aufschrift "Who made my clothes?". Die Idee dahinter ist, Labels mit dem Anliegen zu konfrontieren, mehr über die Produktionsumstände erfahren zu wollen. Wer genau ist es, der das T-Shirt, das jetzt in einem Berliner Fashion-Store liegt, zugeschnitten und vernäht hat, wer hat es gefärbt und am Ende verpackt? Solange die Arbeiterinnen - ganz überwiegend sind es Frauen, die das Textilkarussell am Laufen halten - nur eine Nummer sind, lassen sich nur wenige für die Problematik ökologisch und sozial bedenklicher Produktionszustände sensibilisieren. Aber wenn es gelingt, diese Menschen aus der Anonymität zu reißen, ihnen ein Gesicht zu geben, so die Überlegung von Carina Bischof und Future Fashion Forward, dann ist schon ein großer Schritt in Richtung fairer Bedingungen gemacht.

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Revolution macht Spaß: Die Gruppe aus Südafrika vorm Miss Ploff

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Calvin


Und ab die Post: Über Social-Media-Auftritte der Labels werden Infos über die Produktionsbedingungen eingefordert

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Unter Gelächter, Neckereien und Frotzeleien werden nach und nach alle Besucher fotografiert. Große Labels sind es, deren Logos "auf links" sichtbar werden. Krokodile, Polospieler, elegante Schriftzüge, Buchstaben-Kombinationen. Aber was geschieht nun mit den Bildern? Carina Bischof, die seit fünf Jahren die Kampagne in Deutschland mit organisiert, regt an, dass sich die Abgelichteten mit dem Foto über die sozialen Medien direkt an die Hersteller wenden und dort um Auskunft bitten, wer, wo und wie ihr Kleidungsstück hergestellt hat.

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Braucht nicht "auf links": Am Krokodil sieht man schon, wo die Poloshirts herkommen

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Hört sich illusorisch an? Gut, viele Labels antworten nicht, so Bischof, aber sie selbst hat im letzten Jahr über 100 Firmen kontaktiert und immerhin 10 Antworten erhalten. Was diese Antworten beinhalten, sei "sehr interessant", berichtet sie. Die Spanne geht von vorformulierten Antworten aus der PR-Abteilung bis hin zu sehr individuellen Antworten meist kleiner Labels, die sich des Anliegens wirklich annehmen. Von einem kleinen Kinderlabel aus Süddeutschland bekam sie erst neulich eine nette Email. Darin erklärt der Gründer seine Produktion sehr ausführlich. Er wollte zwar seine Produktionsstätten nicht nennen, weil das langjährige Kooperationspartner seien. Aber er wird Fotos von den Näherinnen mit dem Titel "I made your clothes" machen und an Future Fashion Forward schicken. Wichtig sei es, mit den Modefirmen in Austausch zu kommen, so Carina Bischof, und das sei bei den Großen meist noch nicht gegeben. Das deutsche Unterwäsche-Label Mey habe allerdings geantwortet und auch eine ganze Kampagne in die Richtung gemacht, die Bilder aus der Produktion zeigen, in denen die Mitarbeiter und ihre Aufgaben vorgestellt werden. Es liegt nahe, dass der Impuls dazu auch aus der inzwischen in mehr als 90 Ländern vertretenen Kampagne kommt.

Die sozialen Medien seien dabei der richtige Kanal, weil gerade über Instagram, Facebook und Twitter viele Labels versuchen, mit ihren Kundinnen und Kunden in Kontakt zu kommen. Und wenn Future Fashion Forward es schafft, in diese Konversationen vorzudringen, erreicht man auch Menschen, die per se nicht für die Probleme der Kleidungsherstellung sensibilisiert seien. Über Instagram und Facebook kann die Kampagne die Labels direkt adressieren und über Hashtags verbinden, so wird die Kommunikation relevant für viele Nutzer. Flankiert wird die sehr erfolgreiche virale Kampagne nicht nur über die Vor-Ort-Aktionen, sondern auch über Videos ohne Fotostrecken. Das bisher erfolgreichste Video entstand mit BBDO und dreht sich über ein 2-Euro-T Shirt-Experiment. Es ist mit über einer Millionen Klicks in nur 14 Tagen ein wichtiger Hebel für die Kampagne geworden. Solche Aktionen wirken natürlich auch nach innen, pushen die ganze Bewegung. Deutschland ist ohnehin eines der stärksten Länder in Sachen Engagement. Die Kampagne ist hier in mehr als 20 Städten vertreten. Gerade wird ein Netzwerk von Städte-Ambassadoren aufgebaut.

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Innen gut, außen Hut: Warum nicht mal bei Öko-Labels nachfragen?!

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In dieser letzten Aprilwoche, in der wir Carina treffen, ist "Fashion Revolution" in Berlin, eine Aktionswoche zum Thema Nachhaltigkeit im Bekleidungssektor. Mit ihren Aktionen, unter anderem am Alexanderplatz, will die Kampagne die Menschen auf der Straße einbinden. Obgleich sie mit der Aktion das erste Mal hier im Kiez ist, findet Carina, dass die Menschen offen und interessiert reagieren. Und sie merkt, dass sich hier einiges tut – etwa bei einer weiteren Veranstaltung zur Fashion Revolution in der Grüntaler Straße, an der ihr Verein nicht beteiligt ist. Am Abend des Tages findet dann auch noch der monatliche Stammtisch des Vereins im Miss Ploff statt, an dem dieses Mal alle teilnehmen können.

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Schöne Plakate, bei deren Druck der Aktionsfonds "Fashion Revolution" unterstützte

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Bei der Kommunikation der Fashion Revolution hat dieses Jahr der Aktionsfonds des QM Badstraße geholfen, indem für Café-Miete sowie Druckkosten von Plakaten und Postkarten 500 Euro zugeschossen wurden. Das sei wichtig, sagt Carina, denn alle im Verein sind ehrenamtlich tätig. Gerade in der Woche Fashion Revolution herrsche Ausnahmezustand. In Zukunft strebt der Verein an, die Leute aus dem Kiez noch ein bisschen mehr einzubinden, zum Beispiel über Workshops. Solange sind alle Interessierte eingeladen, auf den Verein zuzukommen und möglicherweise auch gemeinsame Aktionen zu starten. Erste Kontakte in den Kiez, etwa zum Projekt MÄDEA, gibt es bereits.

Text und Fotos: Johannes Hayner

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